Das haekelschwein Blog
Pseudospender
28.01.2012 01:00
„Hättest du dir was Billigeres gekauft als X, hättest du das gesparte Geld der Krebshilfe spenden können!“
Das ist ein beliebtes Argument, wobei es komischerweise nur für solche X benutzt wird, die der Kritisierende ohnehin nicht mag, obgleich es eigentlich für alles gelten müsste, was nicht zwingend lebensnotwendig ist.
„Hättest du dir ein Android-Handy statt ein iPhone gekauft…“ schreit ja geradezu nach der Entgegnung, dass man zugunsten der Krebshilfe dann doch wohl ganz auf ein Smartphone verzichten könnte, aber diese Folgerung zieht der Kritiker nicht, weil es ihm nicht um Krebshilfe geht, sondern um iPhone-Bashing.
Es ist ebenfalls kaum anzunehmen, dass jeder, der ein Apple-Notebook als Verschwendung ansieht, einen gebrauchten Lada fährt und den Differenzbetrag zum 3er-BMW der Welthungerhilfe gespendet hat.
Wir alle geben Geld für Dinge aus, die besser und teurer sind als die Minimalanforderung, und jeder tut dies auf einem anderen Gebiet, welches ihm besonders wichtig ist. Der eine leistet sich einen teuren Computer, der andere ein Oberklasseauto oder Schmuck. Theoretisch geht das Geld einem guten Spendenzweck verloren, aber praktisch zahlt es den Lebensunterhalt jener, die diese Güter herstellen und verkaufen.
Und Menschen, die nur auf ganz bestimmten Gebieten Verzicht fordern, weil sie auf gerade diese zufällig keinen Wert legen, sind unglaubwürdig. Den Spendenempfängern ist es egal, ob das Geld durch den Verzicht auf Apple-Produkte oder durch den Umzug in eine kleinere Wohnung oder den Wechsel auf ein billigeres Auto gespart wurde.
Eine Seite aus meinem Tagebuch
23.01.2012 01:00
Als ich gestern den Lesesaal der örtlichen Metzgerei betrat, um ein paar alte Schinken durchzublättern, hing Cimber MacLaine von der Decke und frug mich, ob ich eine hautfarbene Hose trüge. Ich verneinte und tat kund, dass sich haarfarbene Hosen bevorzöge.
Was ich denn damit meine, erkundigte sich MacLaine, es gebe doch unterschiedliche Haarfarben. Aha, entgegnete ich politisch korrekt, und auf Hautfarben treffe dies wohl nicht zu? Da erkannte Cimber seinen Fehler und gab mir Recht, während ich meinerseits eingestand, beim morgendlichen Ankleiden die Hosen vergessen zu haben.
Auf dem Weg nach draußen trafen wir jemanden, der die Liebe nicht kannte und bedauerten ihn dessentwegen nicht, schlugen ihn aber. In unseren Bann, für einen Preis vor, beim Schach und auf die Nase.
Derweil hatten meine Füße Wurzeln getrieben, wie wir erheitert feststellen mussten, und hinderten mich an der Fortsetzung des gemeinamen Spaziergangs. Also warteten wir, bis ich eines Tages von einem Tischler gefällt, in die Sägerei verfrachtet und zu einem Schrank verzapft wurde. Denn so einen Schrank wollte Cimber MacLaine schon immer haben und trug ihn daher gerne durch die Stadt.
Das schien mir peinlich, da ich als schüchterner Mensch die Öffentlichkeit scheue. Vor meiner Geburt verbarg ich mich im Bauch einer Frau, damit niemand meinen unfertigen Körper sähe.
Ein Myomant ist jemand, der aus Mausgequieke die Zukunft vorhersagt und ein Terrorist ist jemand, der weltweit Menschen tötet, ohne Amerikaner zu sein. Ich bin jemand, der einen Bleitift so weit ins rechte Ohr stecken kann, dass er aus dem linken wieder herauskommt. Allerdings ohne das zu überleben. Deshalb verkaufe ich lieber haekelschweine.
Neulich im Einwohnermeldeamt
18.01.2012 22:21
Neulich im Einwohnermeldeamt hatte ich ein gutes und ein schlechtes Erlebnis:
Positiv fiel mir das Wartenummernsystem auf. Jeder kam in der Reihenfolge dran, in der er das Amt betreten hatte, und es ging angenehm schnell. Früher waren die Beamten nach Buchstaben aufgeteilt und so konnte es geschehen, dass man eine halbe Stunde hinter Mitbürgern wartete, deren Anfangsbuchstabe zufällig auch am Beginn des Alphabets steht, während die übrigen Beamten Zeitung lasen. Im Nachhinein fragt man sich, warum wir uns das so lange haben bieten lassen und ob die Umstellung eine Serviceoffensive ist oder eine Notwendigkeit aufgrund von Personalkürzungen.
Negativ fiel mir ein Rentner auf, der einen Personalausweis beantragte und auf die Frage, ob er einen Fingerabdruck darin speichern möchte, klischeehaft antwortete: „Gern, ich habe ja nichts zu verbergen!“ Das Zusammenschlagen der Hacken habe ich mir hingegen nur eingebildet. Allzu gerne hätte ich vorm Rathaus auf den Mann gewartet und ihn um einen Gefallen gebeten: „Könnten Sie mal meine Einkaufstüte halten, ich muss mir den Schuh zubinden. Danke schön, jetzt sind Ihre Fingerabdrücke auf der Tüte. Meine nicht, ich trage ja Handschuhe. Und jetzt überfalle ich eine Bank, lasse mir das Geld in die Tüte packen und werfe die leere Tüte in Tatortnähe weg. Früher hätte Sie kein Mensch verdächtigt, denn die Polizei hatte nur Fingerabdrücke von Verbrechern vorliegen, aber nun hat man auch Ihre und wann immer ein Gegenstand oder Ort, den sie angefasst haben, etwas mit einem Verbrechen zu tun hat, werden Sie ein Alibi besitzen müssen. Fangen Sie am besten gleich heute an, Tagebuch zu führen. Auf Wiedersehen!“
Schwerelosigkeit
23.12.2011 13:03
Das haekelschwein war mit Tim Pritlove auf einem Parabelflug und glitt durch die Schwerelosigkeit, zu sehen von Minute 44 bis 50:
Eine Schwalbe im Winter
19.12.2011 21:08
Der schlimmste Feind des Vorurteils ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit.
Man stelle sich vor, Hans-Peter Friedrich bekäme eine türkische Schwiegertochter, lernte Muslime als Menschen statt Gefährder kennen und fände solchen Gefallen an der ihm neuen Kultur, dass er die Geschichten Hodscha Nasreddins ins Bairische übersetzte und abends im deutsch-türkischen Kulturverein vorläse.
Wäre das nicht eine herzerwärmende Geschichte?
Doch selbst, wenn sie wahr würde, änderte sie nichts daran, dass die CSU eine integrationshinderliche Partei bliebe, die immer dann Xenophobie schürt, wenn wieder eine Wahl zu gewinnen ist.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, so erfreulich diese Schwalbe auch sein mag.
Was Herrn Friedrich noch nicht passiert ist, hat Peter Altmaier am eigenen Leibe erfahren: Er hat etwas Fremdes näher kennengelernt, das vielen gleichaltrigen Parteikollegen nur aus Schauergeschichten bekannt ist - das Internet.
Natürlich haben alle diese Unions-Politiker Berührung mit dem Internet, es fragt sich nur, wie. Sie haben ja auch täglich mit Muslimen Kontakt - im Taxi und an der Dönerbude, aber kaum im Freundes- und Familienkreis.
Es ist eben ein Unterschied, ob man das Internet nur aus Papierausdrucken in der Pressemappe kennt (vielleicht sogar selbst von Bild.de zu Welt.de surfen kann), oder ob man wirklich online lebt, also das Internet in seinen Alltag integriert hat und es als festen Bestandteil sozialer Interaktion betrachtet.
Altmaier hat zu twittern begonnen und gerade dadurch aufgehört, das Internet aus der Vogelperspektive zu betrachten. Stattdessen erlebt er es nun auf der Augenhöhe der aktiven Netznutzer und bemerkt, dass es sich nicht um einen Verbund von Onlinemagazinen und Shoppingseiten handelt, nicht um einen Videotext mit Bestellmöglichkeit, sondern um eine Agora, wo ohne redaktionellen Filter Meinungen, Ideen und Gefühle ausgetauscht werden, und zwar zwischen echten Menschen. Das einzig Virtuelle daran ist der Ort - welcher es ermöglicht, dass Leute zueinanderkommen, denen es in der "realen", also eingeschränkten, Welt nicht möglich wäre.
Wer dies erlebt hat, kommt auch nicht mehr auf die Idee, jemandem das Internet abschalten zu wollen wie einem ungezogenen Kind den Fernseher, denn das Internet ist keine Berieselungskiste, sondern ein Sozialisierungsmedium. Internet kappen wegen Urheberrechtsverstößen heißt, ein Kind, das in der Schule abgeschrieben hat, in den Keller zu sperren und dort in Isolationshaft zu lassen; das hat nichts mehr zu tun mit dem Wegnehmen eines Spielzeugs und ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern eine Menschenrechtsverletzung.
Vernünftige Internetgesetzgebung können wir erst erwarten, wenn die Mehrheit unserer Abgeordneten aktive Netzbewohner geworden sind und sich nicht mehr nur die Nasen am Schaufenster der Onlinewelt plattdrücken.
Einen solchen Selbstversuch wie Altmaier sollte eigentlich jeder von ihnen wagen, es kann nur besser werden.
Erwartbar ist das aber für die nähere Zukunft nicht, und so werden wir noch viele unsinnige Gesetzesinitiativen aus den Reihen der CDU zu ertragen haben, und Altmaier wird denen wohl oder über zustimmen müssen, denn was das Internet betrifft, ist und bleibt er in der falschen Partei.
Deswegen kann und darf man den positiven Eindruck eines einzigen netzaffinen Unionspolitikers auch nicht auf die Gesamtpartei übertragen, wobei es in diesem Punkt um die SPD kaum besser bestellt ist.
In meinen Augen bleibt das Wählen der Piratenpartei die sicherste Methode, eine freiheitliche Netzpolitik dauerhaft in der politischen Agenda zu verankern. Dabei kommt es gar nicht auf mögliche Regierungsbeteiligungen der Piraten an, sondern es reicht schon, dass die Angst vor Stimmenverlusten an die Piraten bei den etablierten Parteien dazu führt, dass man Netzthemen und Internet-Bürgerrechte ernst nimmt und nicht wieder den Computer als einen Buhmann aufzubauen versucht ist, um Stimmenfang im Altersheim zu betreiben.
Auch unsere Umweltgesetzgebung hat nicht vornehmlich durch Regierungsbeteiligung der Grünen ihren heutigen Stand erreicht, sondern schon durch das bloße Mitspielen der Grünen im Konkurrenzkampf um Wählerstimmen.
Geheimdienste als Selbstläufer
22.11.2011 13:47
In der FAZ plädiert Nils Minkmar dafür, die Geheimdienste abzuschaffen, da sie sich ihre Existenzberechtigung selbst schüfen statt vorhandene Gefahren abzuwenden.
Dieser Gedanke findet sich schon in Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951). Im Kapitel „Die Rolle der Geheimpolizei“ heißt es dort:
„Daß politische Geheimdienste nach relativ kurzer Zeit sich selbst überflüssig machen, ist eine alte, wenn auch wenig beachtete Erfahrung und keineswegs charakteristisch für totalitäre Regime. (…) Da aber die Geheimpolizei unter nichttotalitären Verhältnissen schließlich eine Institution wie alle anderen ist und sehr schnell vor allem daran interessiert ist, im Amte zu bleiben und Stellen zu halten, hat dieser Tatbestand nur dazu geführt, eine Reihe von Methoden zu entwickeln, die das Studium der Geschichte von Revolutionen einigermaßen erschweren. So hat es unter Louis Napoleon nicht eine einzige gegen die Regierung gerichtete Aktion gegeben, die nicht von der Polizei selbst inspiriert war (…)“
Im Folgenden erklärt Arendt, dass in totalitären Staaten das Provozieren staatsfeindlicher Akte nicht mehr nötig sei, da man dort ohnehin nach Belieben jeden verhaften könne, und fährt fort:
„Mit der Abschaffung der Provokation verlor die Geheimpolizei die altbewährte und einzig wirksame Methode, ihre Unabhängigkeit von anderen Regierungsinstanzen zu wahren und ihre Existenz beliebig zu verlängern. Nur sie konnte entscheiden, ob man sie brauchte oder nicht, und Provokation war immer das sicherste Mittel, zu ihren Gunsten zu entscheiden.“
Es ist somit ein inhärentes Problem von Geheimdiensten, dass sie uns vor Terror und politischen Attentaten schützen sollen, aber im Erfolgsfalle unnötig wirken, da keine Gefahr mehr zu drohen scheint. Die Versuchung ist dann groß, ein bisschen nachzuhelfen, um den Eindruck der Gefährdung nicht abreißen zu lassen und die eigenen Pfründe zu sichern.
Ähnliche Effekte erreicht man mit Verhaftungsquoten für Polizisten und Fangprämien für Kaufhausdetektive.
Über die Anfänge des Paartanzes
17.11.2011 01:00
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts kommt in den Städten der Paartanz in Mode, bei dem Herr und Dame paarweise tanzen und einander mit den Armen umfassen, statt sich nur die Hände zu reichen. Schon früher war diese Art des Tanzens in den Dörfern gebräuchlich gewesen, aber von der Obrigkeit immer wieder, mit mäßigem Erfolg, verboten worden.
Auch in den Städten wird der Paartanz zunächst mir Strafe belegt, das erste Verbot dieser Art erfolgt 1406 in Ulm und weitere folgen in anderen Städten. Die häufige Wiederholung solcher Strafandrohungen sind ein Zeichen ihrer Fruchtlosigkeit, denn der Paartanz setzt sich trotz allem durch und ist im 16. Jahrhundert bereits zur vorherrschenden Form des Gesellschaftstanzes geworden, ein direkter Vorläufer des Walzers.
Kosten mittelalterlicher Hinrichtungen
16.11.2011 01:00
Im Mittelalter gab es nicht nur eine Form der Todesstrafe, sondern nach Verbrechen abgestufte Hinrichtungsarten. Was sagen Aufwand und Kosten einer Hinrichtungsmethode eigentlich über die Bedeutung dieser Strafart und des dadurch gesühnten Delikts aus?
Diese Frage lässt sich mit einem Blick in die Lohnregister der Stadt Hannover beantworten, die Wilhelm H. Mithoff 1868 in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen erschlossen hat.
Aus den Lohnposten für die Erhängung zweier Diebe im Jahre 1480 geht hervor, dass diese Form der Hinrichtung mit besonders hohen Personalkosten verbunden war.
Der Scharfrichter erhielt in Hannover für jede Art von Hinrichtung eine Pauschale von 6 Schilling, in diesem Falle also 12 Schilling für beide Erhängungen, während der entsprechende Betrag für die Knechte sich auf 3 Schilling, bzw. insgesamt 6 Schillinge belief. Die übrigen Kosten in Gesamthöhe von 107 Schilling summieren sich aus den Ausgaben für Verpflegung und Galgenüberwachung, würden also auch bei einer einzigen Hinrichtung anfallen.
Hieraus ergeben sich Gesamtaufwendungen von 116 Schilling für eine Erhängung, womit diese Hinrichtungsform mit Abstand am teuersten war, denn die Ausgaben belaufen sich auf mehr als das sechseinhalbfache einer Enthauptung, fast das achtfache einer Räderung und immerhin noch etwa das viereinhalbfache einer Verbrennung.
Dieser erhebliche Kostenmehraufwand scheint nur dadurch nachvollziehbar, dass das am Galgen gesühnte Verbrechen von der Gesellschaft als besonders verabscheuungswürdig empfunden wurde und eine entsprechend aufwändige Strafe daher zu rechtfertigen war. Da es sich bei den Delinquenten um Diebe handelte, kann daraus geschlossen werden, dass Diebstahl stärker geächtet wurde als etwa Brandstiftung, welches mit Verbrennen geahndet wurde, oder Straßenraub, welcher mit Räderung bestraft wurde.
Wie wichtig man die Bekämpfung gerade des Diebstahls nahm, zeigt sich auch darin, dass der Abschreckungseffekt bei der Hinrichtung von Dieben offenbar eine große Rolle spielte, denn den größten Rechnungsposten nimmt mit fast zwei Dritteln der Gesamtkosten die Bewachung des Galgens für ganze sechs Nächte ein, das heißt, dass die Verurteilten mindestens eine Woche für jeden sichtbar hängenbleiben sollten.
Wie man einen Krieg propagiert
08.11.2011 01:00
Der wenig zitierwürdige Hermann Göring sagte einst dennoch treffend:
„Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Russland, noch in England, noch in Amerika, und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. Das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“
Auch die Amerikaner haben sich dieser Methode später bedient, und zwar nicht erst im Irak-Krieg, sondern bereits in unzähligen Südamerika-Konflikten. Geholfen hat ihnen dabei ein Neffe Sigmund Freuds, Edward Bernays, der als Urvater der Public Relations gelten kann.
Man schaue folgenden siebenminütigen Film und behalte ihn in Erinnerung bis die ersten Bomben auf den Iran fallen:
Fotokalender 2012
01.11.2011 17:31
Wie entstehen Revolutionen?
30.10.2011 22:15
Hannah Arendt sagt dazu Folgendes: „Was als unerträglich empfunden wird, sind selten Unterdrückung und Ausbeutung als solche; viel aufreizender ist Reichtum ohne jegliche sichtbare Funktion, weil niemand verstehen kann, warum er eigentlich geduldet werden soll.“
Sie bezieht das auf die Französische Revolution, wo der Adel durch den Absolutismus zwar seine Macht an den König verlor, aber weiterhin Reichtümer besaß.
In der Gegenwart dulden wir Reichtum, wenn er in den Händen von Unternehmern ist, die damit Arbeitsplätze schaffen und nützliche Produkte herstellen, oder in den Händen von Bankiers, die uns und diesen Unternehmern Kredite gewähren.
Zunehmend fließt der Reichtum aber aus der Realwirtschaft ins reine Finanzkapital, und es ist schwer ersichtlich, welche gesellschaftlich wichtige Funktion damit erfüllt würde. Die Bevölkerung kann nicht mehr erkennen, wie sie von diesen Kapitalanhäufungen indirekt profitieren könnte.
Die geschichtlichen Voraussetzungen für einen Aufstand gegen das derzeitige System könnten also bald wieder gegeben sein.
Unlängst im Bus nach dorthinaus
29.10.2011 15:40
„Verzeihung, ist hier noch ein Platz frei?“
„Aber sicher.“
„Ich frage nur, weil… man will ja nicht unhöflich sein.“
„Nein, nein, nehmen Sie nur Platz.“
„Aber nur, wenn ich Sie nicht störe.“
„Sie stören mich nicht, setzen Sie sich ruhig.“
„Wissen Sie, man hat ja auch selbst schon schlechte Erfahrungen gemacht mit solchen Leuten, die sich einfach neben einen setzen – ohne zu fragen – und dann vielleicht laute Musik hören oder würzigen Käse essen. Also, ich würde wirklich nur dann Platz nehmen wollen, wenn sie sich in keinster Weise belästigt fühlten.“
„Sie würden mich weit weniger belästigen, wenn Sie sich endlich hinsetzten!“
„Sehen Sie, jetzt werden Sie schon laut! Ich habe ja befürchtet, dass Ihnen meine Gesellschaft unangenehm ist.“
„Sie ist mir nicht unangenehm, also lassen Sie sich doch bitte nieder!“
„Und dann stellen Sie vielleicht fest, dass es Ihnen doch nicht mehr recht ist, dass ich neben Ihnen sitze…“
„Gewiss nicht…“
„Doch, doch, und dann werden Sie nicht wissen, wie Sie es mir beibringen sollen, und sie werden genervt aus dem Fenster schauen und immer wieder auf die Uhr sehen, und Sie werden auf dem Polster hin- und herrutschen und dabei unbewusst versuchen, mich vom Sitz zu drängen, und dann werden Sie schließlich aufstehen, weil Sie ja angeblich schon raus müssen. Ist alles schon vorgekommen. Ich frage deshalb lieber vorher.“
„Schön, aber ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn Sie sich neben mich setzten.“
„Nun, das ist gut, dass Sie das sagen. Wissen Sie, da traue ich mich direkt, Sie noch einmal zu fragen, ob ich tatsächlich neben Ihnen Platz nehmen darf. Überlegen Sie genau! Denken Sie ernsthaft darüber nach, ob Sie auch wirklich und unumstößlich sicher sind, dass ich mich jetzt und in diesem Augenblick genau neben Sie setzten darf, und ob Sie auch unwiderruflich einverstanden sind, dass ich mich dort, auf dem Platz neben Ihnen, für zunächst unbestimmte Zeit aufhalte. Gehen Sie noch einmal in sich. Wollen Sie das wirklich? Ist das ehrlich und aus tiefstem Herzen Ihr sehnlichster und größter Wunsch? Ihr seit Ewigkeiten gehegter Traum? Ihre schönste und nächtelang herbeigeweinte Utopie? Ihr Ein und Alles? Ihre Inkarnation absoluter und unerreichter spiritueller Lust? Gestehen Sie! Reden Sie! Singen und schreien Sie es aus sich heraus!“
„Ja! Jaa! Jaaa! Ich will es! Ich brauche es! Ich bete und erflehe es! Ich will, und habe immer gewollt, nur eines in meinem Leben: dass Sie sich neben mich setzen. O bitte, bitte, gewährt mir die Gnade Eurer Gesellschaft!“
„Gern, aber dies ist meine Endstation, auf Wiedersehen!“
Totale Herrschaft
24.10.2011 01:00
Immer wieder der Leseempfehlung wert ist Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, ein tausendseitiger philosophischer Essay über den Gesellschaftskrebs namens Totalitarismus: Was unterscheidet die Herrschaft Hitlers und Stalins von allen anderen Diktaturen, was die Masse vom Mob und warum entbrennt der totalitäre Terror, wenn der innenpolitische Gegner längst besiegt ist?
Besonders interessant die Ausführungen darüber, wie Macht Realität beeinflusst und wie totalitäre Regime kraft ihrer unbegrenzten Machtfülle Propagandalügen in Wahrheiten ummünzen können, ja geradezu gezwungen sind, diese Allmacht anzustreben, um die Festung ihres Lügengebäudes uneinnehmbar zu machen.
Auf Seite 727 liest man dazu:
„Sobald totalitäre Diktaturen fest im Sattel sitzen, benutzen sie Terror, um ihre ideologischen Doktrinen und die aus ihnen folgenden praktischen Lügen mit Gewalt in die Wirklichkeit umzusetzen: Terror wird zu der spezifisch totalen Regierungsform. So setzte etwa die bolschewistische Regierung in Rußland die ideologische Forderung durch, dass es in einem sozialistischen Lande keine Arbeitslosigkeit geben dürfe, aber nicht so, daß sie propagandistisch-schwindelhaft in einem Moment offenbarer Arbeitslosigkeit behauptete, es gäbe keine Erwerbslosen, sondern sondern indem sie ohne alle Propaganda erst einmal die Arbeitslosenunterstützung abschaffte. Die Lüge wurde Wahrheit: Es gab keine Arbeitslosen mehr in Rußland, nur noch Bettler und asoziale Elemente, und der alte sozialistische Grundsatz "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" war auf eine zwar unerwartete, dafür aber um so radikalere Weise verwirklicht worden. Oder: Als Stalin die Geschichte der russischen Revolution umzuschreiben beschloß, bestand seine "Propaganda" der neuen Fassung lediglich darin, zusammen mit der alten Auflage und den zu ihr gehörenden Dokumenten die alten Autoren und ihre Leser zu vernichten.“
Weiter heißt es ab Seite 742:
„Es ist, als ob man mit einem potentiellen Mörder darüber debattiert, ob sein zukünftiges Opfer tot oder lebendig sei, und vergißt, daß ein Mörder jederzeit den Beweis für seine Behauptung durch die Tat antreten kann. Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch eine bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus. In dieser Verachtung drückt sich bereits die Überzeugung aus, daß Tatsachen nur von dem abhängen, der die Macht hat, sie zu etablieren. Die Behauptung, daß nur Moskau eine Untergrundbahn habe, ist nur so lange eine Lüge, als die Bolschewisten nicht die Macht haben, alle anderen Untergrundbahnen zu zerstören. Daher verrät die Propagandamethode der unfehlbaren Voraussage, verbunden mit der ihr inhärenten Verachtung aller Tatsachen, mehr als jeder andere totalitäre Propagandatrick, daß die Beherrschung des Erdballs das notwendige Endziel der totalitären Bewegungen ist; denn nur in einer vollständig kontrollierten und beherrschten Welt kann der totalitäre Diktator alle Tatsachen verachten, alle Lügen in die Wirklichkeit umsetzen und alle Prophezeiungen wahr machen.“

